Esperanto oder Interlingua?

1 . Warum braucht man eine Plansprache?

„Warum eine Kunstsprache lernen? Heute spricht ja eh ohnehin jeder Englisch!“

Zu Beginn möchte ich sagen, dass der Begriff „Kunstsprache“ etwas unglücklich gewählt ist. Auch in den sogenannten natürlichen Sprachen gibt es jede Menge künstlich geschaffener Wörter oder Wortkombinationen.

So ist es für uns ganz normal, dass wir schnell mal was googlen und mit den Handy ein bisschen simsen. Wir ärgern uns über den Brexit und den Teuro. Aber auch Wörter wie Smog (smoke und fog), Informatik (Information und Automatik) oder Mechatronik (Mechanik und Elektronik) sind solche Wortkreationen. Der Begriff Plansprache gefällt mir persönlich um einiges besser. 🙂

Also, warum eine Plansprache, wenn eh schon jeder Englisch spricht? Durch die heutigen technischen Möglichkeiten ist das Sprachenlernen auf alle Fälle viel einfacher geworden. Keine Frage. Es gibt tolle Software dazu, relativ günstig oder gratis, und Fernsehprogramme in jeder erdenklichen Sprache laufen bei uns im Wohnzimmer. Doch die eine Frage ist, ab welchem Niveau man jetzt annehmen kann, dass jemand Englisch spricht. Außerdem gibt es auch viele junge Leute, die zwar in der Schule Englisch gelernt haben, aber mangels praktischer Anwendung das meiste wieder vergessen wurde. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zur Plansprache. Das faszinierende an einer Plansprache sind 2 wesentliche Punkte – die sogenannte „Neutralität“ und die leichte Erlernbarkeit.

Auch wenn wir es inzwischen als ganz normal empfinden und es auch nicht anders kennen. Wie viel Zeit haben wir investiert, damit wir unser heutiges Englisch-Sprachniveau erreicht haben? Und wieviel Geld haben wir noch zusätzlich für die Kurse, Bücher usw. investieren müssen? Wie viele Stunden haben wir in unserer Schulkarriere nur mit dem Englisch-lernen verbracht? Dem gegenüber stehen die Muttersprachler in den USA, Großbritannien, Australien etc, die zufällig mit Englisch aufgewachsen sind und sich (oft) all die Zeit und das Geld zum Lernen einer Fremdsprache ersparen, da erwartet wird, dass ohnehin alle anderen Englisch können müssen.

Der zweite Aspekt ist die einfachere Erlernbarkeit. Eine Plansprache kann nur dann erfolgreich sein und Leute zum Lernen bewegen, wenn sie in viel kürzerer Zeit als eine Nationalsprache erlernt werden kann. Somit haben die erfolgreichen eine sehr stark vereinfachte Grammatik, welche in kürzester Zeit erlernbar ist.

2. Esperanto

Vor ca 30 Jahren hatte ich zum ersten mal was von Esperanto gehört. Und als ich den ersten Esperanto-Text vor mir hatte, hatte ich ehrlich gesagt nicht viel verstanden. Es waren ein paar bekannte Wörter oder Wortstämme, doch der Satz machte noch keinen Sinn. Dann nahm ich an einem Fernkurs vom sog. Esperanto-Museum in Wien teil, und Schritt für Schritt lernte ich die Grammatik von Esperanto kennen und verstand die Bedeutung der verschiedenen Vor- und Nachsilben sowie der mir etwas seltsam vorkommenden Tabellwörter (kiu, Kia, kie, kiam kio, tiu, tia, iu, ia usw), die ich zu Beginn auch oft verwechselte.

Esperanto ist eine sehr kreative Sprache. Wenn man mit der einfachen Grammatik erst einmal vertraut ist, kann man sich den Grundwortschatz auch relativ schnell aneignen. Und weiß man ein Wort nicht, kann man es leicht mit etwas Fantasie mit Hilfe der regelmäßigen Silben umschreiben oder ein neues Wort kreieren.

Bezüglich Neutralität hat Esperanto sicher einen großen Pluspunkt verdient. Um Esperanto zu verstehen, muss jeder sich zuerst mal mit der Grammatik vertraut machen. Sonst bleibt es eine Geheimsprache, mit der ein Außenstehender nichts anfangen kann. Es kommt auch vor, dass sich zwei Esperanto-Sprecher verlieben und die Kinder dann oft 3sprachig aufwachsen (also Esperanto quasi zur Muttersprache haben so wie bei mir), aber diese wenigen sog. „Esperanto-Muttersprachler“ konzentrieren sich ja nicht nur auf ein bestimmtes Land, sondern sind quer über die Welt verstreut.

Das Interessante an Esperanto ist die „Esperanto-Bewegung“. Esperanto wurde ja zum Zwecke erschaffen, dass sich alle Völker gleichwertig gegenüberstehen und sich auch leicht verständigen können miteinander und so der Friede auf der Welt gefördert werden soll. Jeder Esperantist hat sich aktiv zum Esperanto-Lernen entschlossen. Bei den vielen Esperanto-Veranstaltung spürt man regelrecht das Gemeinschaftsgefühl. Man ist sofort in der Gruppe der „Espis“ aufgenommen. Und Esperanto-Treffen gibt es normalerweise jede Menge.

Die vielen online angebotenen Esperanto-Kurse verzeichnen einen regen Zulauf. Die Frage ist nur, was mit den ganzen Teilnehmern und Kurs-Absolventen danach passiert. Die Mitgliederzahl bei den Esperanto-Vereinen steigt trotzdem nicht an, Aktive werden auch nicht unbedingt mehr. Wahrscheinlich geht es den meisten Interessenten so wie mir -> außerhalb der Esperanto-Bewegung war für mich der praktische Nutzen dieser Plansprache gleich Null. So suchte ich nach mehr als 30 Jahren nach Alternativen und am erfolgversprechendsten von allen Plansprachen war für mich Interlingua.

3. Interlingua

Zweifelslos ist Interlingua nicht so neutral wie Esperanto, denn die vielen Muttersprachler von den romanischen Sprachen haben einen klaren Vorteil, wenn sie passiv schon mehr oder weniger viel verstehen, ohne von der Sprache Interlingua überhaupt etwas zuvor gehört zu haben. Aber viele dieser Wörter in Interlingua gibt es auch im Englischen, in den slawischen Sprachen und auch im Deutschen. Und die Esperanto-Wortstämme nützen den Leuten in Ungarn genauso wenig, obwohl Esperanto relativ beliebt ist bei unseren Nachbarn.

Interlingua wurde auch nicht als Friedenssprache entwickelt wie es bei Esperanto der Fall ist. Eine Interlingua-Bewegung als solche wie bei Esperanto und Ido hat sich nie richtig entwickelt, obwohl es regelmäßige Veranstaltungen und Freundschaften unter Interlingua-Sprechern natürlich gibt, so wie bei jeder anderen Sprache natürlich auch.

Der große Vorteils an Interlingua ist jedenfalls der praktische Nutzen. So kann man sich mit Interlingua sehr gut in Spanien, Portugal, sowie Mittel- und Südamerika verständigen. Auch in Italien, Frankreich und Rumänien funktioniert die Konversation noch relativ gut. Und gebildete Leute in den anderen Ländern können ebenso einen großen Teil von den Interlingua-Texten verstehe, ohne diese Sprache überhaupt gelernt zu haben.

Fazit:
Interlingua ist eine Sprache mit großem Potential für die Wirtschaft, vor allem für den Tourismus, in Europa, Amerika und einigen anderen Ländern als Ergänzung oder Alternative zu Englisch.